Auf den Spuren der Industriekultur

Rüsselsheim hat sich ab dem 19. Jahrhundert in rasanter Geschwindigkeit von einem Bauern- und Handwerkerdorf zu einem bedeutenden Industriestandort entwickelt. Weltbekannt ist natürlich die Firma Opel – aber auch andere Pioniere trugen zu dem Wandel bei. Im Stadt- und Industriemuseum erfahrt ihr genau und anschaulich, wie Rüsselsheim von einer Landgemeinde zur Industriestadt wurde. Ein paar typische Orte sind heute noch zu entdecken – auf einem Spaziergang der etwas anderen Art.

Hier gibt es den genauen Streckenverlauf über die Wander-App Komoot!

Vom Handwerker zum Industriellen: Adam Opel

Adam Opel Statue vor dem Opel-Altwerk © Stadt Rüsselsheim am Main / Foto: Frank Hüter

Auch wenn nicht alles Opel ist, was zur Industriekultur Rüsselsheims gehört, beginnen wir unseren Rundgang bei dem weltweit bekannten Firmengründer. Eine über drei Meter hohe Statue von Adam Opel (1837–1895) steht auf dem Bahnhofsvorplatz – da, wo er 1868 seine erste, nicht mehr erhaltene Fabrik einrichtete. 1862 hatte er mit der Produktion von Nähmaschinen begonnen, 1886 kamen Fahrräder hinzu und 1899 – nach seinem Tod – begann die Herstellung von Automobilen. Um die Jahrhundertwende war die Firma Opel schon zu einem industriellen Großbetrieb angewachsen.

Standort: Bahnhofsplatz 1

Die Statue steht vor dem Opelportal. Der langgestreckte Bau wurde nach einem Brand ab 1912 errichtet. Die Fassade zeigt Elemente des Jugendstils, die Gliederung durch Stützpfeiler entspricht der Ästhetik des Klassizismus. Modern sind die waagerechten Fensterbänder, und hinter den Backsteinen verbirgt sich eine Eisenbetonkonstruktion. Im Portalgebäude waren Teile der Fahrradproduktion und die Verwaltung untergebracht.

Heute finden im so genannten Altwerk kulturelle Veranstaltungen statt und zahlreiche kleine Unternehmen, Ateliers und Werkstätten haben hier ihren Sitz. Wenn Ihr wollt, geht ruhig einmal durch das Portal und schaut Euch um.

Außenfassade des Fabrikgebäudes © Stadt Rüsselsheim am Main, Foto: Susanne Schneider

Unser Weg führt nun vom Bahnhof weg. Am Ende des Portalgebäudes biegen wir links in die Weisenauer Straße ein und werfen einen Blick auf das ebenfalls ab 1912 errichtete Fabrikgebäude zur Automobilherstellung. Die langen Fensterbänder sind hier noch ausgeprägter als am Portalgebäude. Sie sorgten dafür, dass ausreichend Licht in die riesigen Fabriksäle gelangte.

Standort: Weisenauer Straße

Zum Wohle der Arbeiterschaft: das Opelbad

Historische Außenaufnahme des Badehauses. Aus den Fenstern schauen mehrere Personen. © Stadt Rüsselsheim am Main / Stadtarchiv

Wir gehen weiter, bis wir auf der rechten Straßenseite die Hausnummer 25 sehen. Der heute als Wohnhaus genutzte Jugendstilbau wurde 1907 als Badeanstalt errichtet. Auch medizinische Anwendungen waren dort möglich – zum Wohle der Arbeiterschaft und der Einwohner, wie die 50-Jahre-Festschrift der Firma Opel 1912 betont. Gebadet wurde Anfang des 20. Jahrhunderts übrigens nicht zum Vergnügen: Die Wohnungen der Arbeiter hatten in den seltensten Fällen ein Badezimmer, sondern meist nur eine Waschgelegenheit in der Küche.

Standort: Weisenauer Straße 25

Die Anfänge: Adam Opels erste Werkstatt

Historische Außenaufnahme von Adam Opels erster Werkstatt in der Ochsengasse (heute Löwenplatz) © Stadt Rüsselsheim am Main / Stadtarchiv

Wir gehen die Weisenauer Straße entlang zurück und biegen links in die Marktstraße ein. Rechts durch die Löwenpassage (etwa auf Höhe der Holzofen-Kantine) gelangt man zum Löwenplatz.

Hier befand sich Adam Opels erste Werkstatt (linker Gebäudeteil im historischen Foto).

Standort: Ochsengasse -> heute Löwenplatz

Aufnahme des Denkwerks (Eisenplatte mit den ehemaligen Gebäuden und eine Erinnerungs-Stele). © Stadt Rüsselsheim am Main / Foto: Frank Hüter

Heute ist der Standort durch eine Eisenplatte und eine Erinnerungs-Stele markiert. Opel hatte das Schlosserhandwerk bei seinem Vater gelernt und ging anschließend auf Wanderschaft. In Paris arbeitete er in Nähmaschinenfabriken und lernte die industrielle Fertigung kennen. Nach seiner Rückkehr produzierte er selbst Nähmaschinen, zunächst in der väterlichen, dann in der eigenen Werkstatt, die er in einem Seitengebäude des Bauerngehöfts seines Onkels einrichtete.

Standort: Löwenplatz

Historische Aufnahme des Geburtshauses. Eine Frau schaut aus dem Fenster. © Stadt Rüsselsheim am Main / Stadtarchiv

Jetzt folgen wir der Löwenstraße in Richtung Main und biegen rechts in die Frankfurter Straße ein. Die nächste Einmündung rechts führt auf den Friedensplatz, wo eine Tafel an der Hausnummer 5a die Stelle kennzeichnet, an der Adam Opels Geburtshaus stand. Hier kam er am 9. Mai 1837 zur Welt. Eine Info-Stele erinnert an das einfache Haus der Handwerksfamilie.

Standort: Friedensplatz 5a

Weitere Informationen zum Geburtshaus!

Sozialpionier: Ferdinand Stuttmann

Weiter geht es auf der Frankfurter Straße. Wer ein Päuschen braucht, findet im gegenüberliegenden Verna-Park ruhige Sitzgelegenheiten.

Am Haus Frankfurter Straße 43 weist eine Tafel auf das nicht mehr existierende Geburtshaus von Ferdinand Stuttmann hin. Er war ein Jahr jünger als Adam Opel, studierte Chemie und Bergbau und führte eine nicht allzu erfolgreiche Kokosmattenfabrik. 
Sein Engagement galt der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter. Zusammen mit anderen organisierte er 1863 den ersten Rüsselsheimer Arbeitertag, der zur Gründung des Arbeiterbildungsvereins führte. Auch war er 1. Vorsitzender des im gleichen Jahr gegründeten Spar- und Vorschussvereins, des Vorläufers der Rüsselsheimer Volksbank. 1869 beteiligte er sich in Eisenach an der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Standort: Frankfurter Straße 43

Historische Aufnahme des Geburtshauses. Vor der Eingangstür steht eine Frau und links daneben mehrere Kinder. © Stadt Rüsselsheim am Main / Stadtarchiv

Strompionier: Alexander Stuttmann

Innenaufnahme des Elektrizitätswerks. 2 Männer stehen an den Maschinen. © Stadt Rüsselsheim am Main / Stadtarchiv

Hinter dem Haus Nr. 43 befand sich das erste und einzige Rüsselsheimer Elektrizitätswerk. Ferdinand Stuttmanns Sohn Alexander hatte es auf dem Grundstück seines Elternhauses gegründet. Ab April 1898 wurde hier vor allem Strom für die elektrische Straßenbeleuchtung in Rüsselsheim produziert. Als durch das enorme Bevölkerungswachstum aufgrund der Industrialisierung der Bedarf an Strom wuchs, konnte Stuttmann die nötige Erweiterung nicht finanzieren. Er verkaufte das Werk 1906. Bereits 1912 ging es in den Besitz der Rheinelektra über und wurde nach dem Anschluss an die Überlandleitung stillgelegt.
Wer möchte, biegt an der Tankstelle kurz in die Taunusstraße ein. Auf Höhe der Hausnummer 11 ist eine Infotafel angebracht – von der Anlage selbst ist nichts mehr zu sehen.

Standort: Taunusstraße 11

Handwerk mit industriellen Strukturen: die Hasenhaarschneiderei Stein

Weiter geht es auf der Frankfurter Straße bis zum Abzweig der Ludwig-Dörfler-Allee nach links. Bevor wir die Opelvillen erreichen, weist ein Schild an einem schlichten Gebäude (Hausnummer 5) auf die Hasenhaarschneiderei Stein hin, die sich im 19. Jahrhundert hier befand und den Übergang vom Handwerk zur Industrie markiert. In dem Betrieb wurden schon arbeitsteilig, aber noch per Hand aus Hasenfellen Haare für die Hutproduktion gewonnen. Die Zahl der Beschäftigten war bereits höher als in einem Handwerksbetrieb: 1820 arbeiteten rund 20 Personen in der Firma Stein, 1860 waren es 51 Personen – zumeist Frauen.

Vorbei an den Opelvillen geht es zur Festung. Genauso wie das Kunstmuseum der Stiftung Opelvillen ist das dort angesiedelte Stadt- und Industriemuseum einen eigenen Besuch wert. Das Restaurant Opelvillen und das Festungscafé sind bestens für eine gastronomische Pause geeignet.

Umstritten: Arbeiterdenkmal in NS-Optik

Über den Rundweg "An der Festung" gelangen wir zur Stresemannanlage. An deren Einmündung in die Frankfurter Straße finden wir das Rüsselsheimer Arbeiterdenkmal. Der Kurbelwellenschmied ist ein kräftiger Mann in typischer Arbeiterkleidung der 30er-Jahre. In den Händen hält er eine Motorkurbelwelle. Mit der Brunnenfigur sollte dem Opel-Arbeiter ein Denkmal gesetzt werden. Seine heroische Haltung entspricht der NS-Ästhetik, für die auch sein umstrittener Erschaffer Ludwig Spiegel steht. Auch die Opel-Statue stammt übrigens von einem Künstler aus der NS-Zeit.

Standort: Stresemannanlage / Ecke Frankfurter Straße

Fortschrittlich: Wohnraum für Arbeiterfamilien

Von der Stresemannanlage aus überqueren wir die Frankfurter Straße zum Seckendorffplatz und gehen am Caritas-Zentrum rechts in die Goethestraße hinein. Ihr folgen wir bis zur Wilhelminenstraße, in die wir rechts einbiegen. So gelangen wir in das erste Arbeiterwohngebiet in Rüsselsheim. Es entstand ab 1890 östlich des dörflichen Ortskerns, um Wohnraum für die zugezogenen Arbeiterfamilien zu schaffen. Allein von 1900 bis 1912 hatte sich die Belegschaft von Opel mehr als vervierfacht.

Das Haus Wilhelminenstraße 21 stammt etwa aus dem Jahr 1904 und entspricht mit seinen unverputzten Backsteinen und den Fensterumrandungen aus Sandstein noch weitgehend dem damaligen Erscheinungsbild. Im Erdgeschoss eines typischen Arbeiterhauses befanden sich zwei Zimmer, eine Kammer, Küche und Flur. Weitere Kammern und Schlafstellen wurden oft an auswärtige Arbeiter vermietet. Nutzgärten mit Ställen für Kleintiere stellten die Selbstversorgung sicher. Die Häuser wurden oft von Opel-Arbeitern gekauft und mit Bank- oder Firmenkrediten abbezahlt. Die Kaufpreise lagen zwischen 6.000 und 8.000 Mark.

Standort: Wilhelminenstraße 21

Haus mit unverputzten Backsteinen und Fensterumrandungen aus Sandstein. © Stadt Rüsselsheim am Main / Stadtarchiv

Historische Fotos aus dem Arbeiterviertel

Christlich und sozial: Die Kirche passt sich an

Nur ein paar Schritte weiter befindet sich eng in die Gassen eingebunden die katholische Kirche St. Georg. Die Grundsteinlegung war 1902, denn immer mehr katholische Christen zogen in das evangelische Rüsselsheim. In einem Seitenschiff der Kirche befindet sich ein 3-teiliges Altarbild mit Bezug zur katholischen Arbeiterbewegung. Es zeigt neben der Heiligen Familie den Gründer des katholischen Gesellenvereins, Adolf Kolping, und Bischof Emmanuel von Ketteler, den Gründer christlich-sozialer Arbeitervereine.

Oase - Opelplatz

Im Vordergrund ein kleiner Brunnen mit Handpumpe unter einem Baum. Im Hintergrund Häuser. © Stadt Rüsselsheim am Main, Foto: Susanne Schneider

Von hier aus geht es weiter durch die kleinen Sträßchen des Wohngebiets, immer in Richtung Bahnschienen, bis zum Opelplatz. Er wurde als Auflockerung in der damals als eintönig geltenden Neubausiedlung angelegt und ist bis heute eine kleine, baumbestandene Oase. Die Trafostation am westlichen Rand des Platzes ist übrigens mit Portraits der Strom-Pioniere Alexander Stuttmann und Georg Simon Ohm verziert.

Standort: Opelplatz

Für den sozialen Zusammenhalt: das Volkshaus

Historische Aufnahme des Volkshauses. © Stadt Rüsselsheim am Main / Stadtarchiv

Weiter geht es zur Grabenstraße, die parallel zu den Bahnschienen verläuft. Eine Unterführung bringt uns auf die andere Seite, wo wir der Rheinstraße in Richtung Innenstadt folgen. Am Lassalleplatz stoßen wir auf die heutige, weitgehend schmucklose Stadthalle, die anstelle des im Krieg zerstörten Volkshauses errichtet wurde. Dieses war eng mit der Arbeiterbewegung verbunden und wurde zur Hälfte durch Mitglieder des Volkshausvereins finanziert. Es beherbergte einen Saal für 1200 Personen, Speisesaal, Kegelbahn, Zimmer für ledige Arbeiter und das Büro des Metallarbeiterverbandes.

Standort: Rheinstraße 7

Industrie-Ambiente mit neuer Nutzung

Die Tour auf Komoot

Hier gibt es den genauen Streckenverlauf über die Wander-App Komoot!

Informationen zur Route

Die beschriebene Strecke ist etwa vier Kilometer lang, die reine Gehzeit wird mit einer Stunde kalkuliert.

Die Strecke ist auch für das Fahrrad geeignet. Am Bahnhof finden sich nextbike-Ausleihstationen.

Der Verzicht auf die Schleife über die Festung und das Arbeiterdenkmal „Kurbelwellenschmied“ verkürzt den Weg um etwa einen Kilometer.

Unterwegs gibt es etliche Plätze zum Ausruhen und Einkehren.

Wer gerne die Opel-Rennbahn, die frühere Teststrecke im Wald, besuchen möchte, erreicht diese in circa 15 Minuten mit dem Rad – allerdings entlang großer Straßen.

Restaurants und Cafés

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